Plakat mit dem Text: Eine Schule ist für Kinder da

IGS Bonn-Beuel

Gemeinsamer Unterricht

Gemeinsamer Unterricht

Seit 1985 setzen wir den in der Bodelschwingh-Grundschule erstmals durchgeführten Modellversuch „Gemeinsamer Unterricht“ (GU) mit einer Integrationsklasse fort. Damit verfügt die Schule über das größte Erfahrungspotential von Schulen in Deutschland. Eine mehrjährige wissenschaftliche Begleitung des Gemeinsamen Unterrichts an der IGS Bonn-Beuel hat ergeben, dass der GU günstige Bedingungen für die positive sozial-emotionale Entwicklung aller Schülerinnen und Schüler schafft und ein Klima der Rücksichtnahme im ganzen Schulhaus fördert.
Die Medien berichten sehr häufig über den Gemeinsamen Unterricht an der IGS Bonn-Beuel.

Aktuell ein Beitrag in nds Heft 2/2011 "Anders ist auch normal" von Ulrike Freunscht.
Hier eine Radiosendung aus dem Juni 2009. WDR 5, Resonanzen (mp3, 7:21 min) und
ein Online Beitrag der Aktion Mensch vom 29.4.2010. Der Text mit Genehmigung hier:

"Wie sie wurden was sie sind – die Kinder aus Beuel

Modellschule für Deutschland: In Bonn lernen Kinder mit und ohne Behinderung erfolgreich zusammen
Gemeinsamer Unterricht: Vorteile für alle Gute Arbeit kostet Geld Setzen, eins. Ziel erreicht? Inklusion Weitere Medien
von oben fotografierte Treppe mit Jugendlichen

In Deutschland wird vermessen, gewogen, getestet und sortiert: vom ersten Lebenstag an. Wer in welche Schublade kommt, bestimmen Experten. Behinderte Kinder werden anschließend auf besondere Schulen geschickt, die früher Sonderschulen hießen und heute die Bezeichnung Förderschule tragen. Auch gegen den Willen der Eltern. Die anderen, die nicht behinderten Kinder, besuchen die Regelschule. Alles schön geordnet, aber Fachleute reklamieren zunehmend, dass dies nicht immer und für alle die beste Lösung ist. Im März 2009 unterzeichnete Deutschland nach zweijährigen Diskussionen über alle Parteigrenzen hinweg die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Nun haben behinderte Kinder das Recht, gemeinsam mit ihren Eltern zu wählen: Wo will ich hin, mit wem will ich lernen? Und wenn sie sich für eine Regelschule entscheiden, muss die Schule das Kind aufnehmen. Unterschiedlichkeit wird als Normalität begriffen.

In dem strikt getrennten System hätten sich Luca Park und Lena Sennewald vermutlich nie kennengelernt. Luca, pechschwarzes Haar, Pony gescheitelt und cool ein Auge fast verdeckt, schwarzes Sweatshirt, erzählt gerne und interessant. Manchmal verheddert sich der selbstbewusste und blitzgescheite Junge ein wenig im Wust komplizierter Worte. Bis dahin nichts Besonderes, da muss man schon genauer hinsehen. Der 15jährige Luca, der gerne Sozialpädagoge werden will, hat den Förderschwerpunkt Sprache, lernte während seiner Grundschulzeit an einer Förderschule und besucht heute die neunte Klasse der Integrierten Gesamtschule Bonn-Beuel, eine Regelschule mit rund 1400 Schülern über 130 Lehrern. Die Schule macht vor, dass gemeinsames Lernen möglich und erfolgreich ist.

Lena, ebenfalls 15 Jahre alt, lange braune Haare, leistungsstarke Schülerin mit Berufswunsch Kinderärztin, ist erst seit eineinhalb Jahren wieder zurück in Deutschland. Mit den Eltern und der kleinen Schwester ging sie nach Kairo, besuchte dort die deutsche Oberschule, ist ein weltgewandter sympathischer Teenager. Klingt spannend und so gar nicht nach Förderschule. Und dann kreuzen sich die Wege der beiden Jugendlichen in Bonn, sie lernen in einer sogenannten Integrationsklasse miteinander und voneinander – und sie mögen es. Die Schüler sortieren im Alltag nicht nach behindert oder nicht. Sie haben die Probleme und Freuden aller Jugendlichen in diesem Alter: Hausaufgaben, Freunde, Freizeit, den Weg ins Erwachsenenleben finden.
Gemeinsamer Unterricht: Vorteile für alle

“Statt Integrationsklasse benutzen wir lieber den Begriff `Klasse in Gemeinsamen Unterricht` oder einfach I-Klasse“, sagt Renate Schmidt-Hasenpusch, die als Sonderpädagogin bereits die erste I-Klasse in Beuel vor 25 Jahren unterrichtete und von ihrem ansteckenden Engagement nichts verloren hat. Pro Jahrgang bietet die Schule zwei Klassen an, in der sechs Schüler mit Förderbedarf und 20 nichtbehinderte Jungen und Mädchen gemeinsam lernen. Der grundlegende Unterschied zu den anderen: durchgängig zwei betreuende Lehrer und fünf Kinder weniger.

„Sonst ist es hier in unserer Klasse nichts wirklich anders als in den anderen“, erläutert Luca, der das Glück hatte, einen der wenigen Plätze in Beuel zu bekommen. Er erinnert sich an früher. „Auf der Förderschule mit dem Schwerpunkt Sprache, an der ich war, haben alle schlecht gesprochen, jeder war gehandicapt. Ich habe mich ganz schlecht dort gefühlt, weil ich immer dachte: Du bist behindert.“ Der Kontakt zur Außenwelt habe ihm gefehlt, er liebt Menschen. Soziales Engagement ist Luca wichtig, als ausgebildeter Streitschlichter betreut er seit einiger Zeit eine fünfte Klasse. Außerdem wollte er seinen Abschluss nicht an einer Förderschule machen. „Was soll ich damit auf dem Arbeitsmarkt anfangen?“ Jetzt strebt er das Abitur an.

Lena kennt die Separation auch, unter einem anderen Blickwinkel. „Obwohl ich auf einer deutschen Oberschule in Kairo war, waren in meiner Klasse 90 Prozent Ägypter. Wir hatten untereinander kaum Austausch. Nein, Mobbing oder so sei es nicht gewesen, aber eben absolut kein Miteinander.“ Das Sozialverhalten in ihrer jetzigen Klasse, in die sie eher zufällig gekommen ist, sei völlig anders, erzählt sie in ihrer ruhigen Art. „Wir nichtbehinderten Schüler profitieren im Unterricht von den Ressourcen und Leistungen der behinderten Schüler.“ Schließlich habe jeder Stärken und Schwächen. Luca ist super in Mathe – und erklärt prima. Ein Lächeln huscht über das Gesicht des eben Gelobten.

Beeindruckend sind das Selbstbewusstsein und die soziale Kompetenz der I-Klassen-Schüler. Lina, die Zehntklässlerin mit Down-Syndrom bringt sich vehement in die Diskussion ein und stellt der Gruppe ihren angestrebten Berufswunsch, Computerarbeit in einem Büro, anschaulich vor. Alle hören ihr aufmerksam zu, sind an den Inhalten interessiert. Wertschätzung ist das Zauberwort, das Flügel verleiht und Jugendliche, behindert oder auch nicht-behindert, zum Sprechen ermutigt. Hier wird es gelebt, ohne dass es etwas besonders wäre. Unauffällig gelenkt von den erfahrenen Pädagogen. Der 17jährige Felix mit Förderschwerpunkt Hören, offensichtlich ein Mädchenschwarm, bringt ein Beispiel für seine individuelle Unterstützung im Unterricht: „Wenn wir einen Film ansehen, kriege ich immer die Dialoge zum Mitlesen, falls ich was nicht mitkriege. Das finden die neben mir auch super“, sagt der blonde Junge, dessen Aussprache an einen niederländischen Akzent erinnert und nicht an ein Kind, dessen Spracherwerb mit Hindernissen erfolgte. Nebenbei ist er Saxophonist in der Schulband. Alles Zeichen für eine besonders gute pädagogische Arbeit?
Gute Arbeit kostet Geld

„Dahinter steht selbstverständlich ein Gesamtkonzept“, sagt Sonderschullehrer Mike Kulhavy, der den Arbeitskreis „Gemeinsamer Unterricht“ an der Integrierten Gesamtschule leitet. Ein Schlüssel sei die Doppelbesetzung mit einem Regelschulpädagogen und einem Sonderschullehrer und die geringere Klassengröße. „Das ist wie in einer Ehe“, beschreibt Renate Schmidt-Hasenpusch das sogenannte Teamteaching. Dabei wechseln die Lehrer häufig die Rollen, der Sonderpädagoge ist nicht auf die Rolle des „Nachhilfelehrers“ für die behinderten Kinder reduziert und der andere macht unterdessen den „richtigen“ Unterricht. Das wäre das falsche Signal - auch hier sei gleichberechtigte Zusammenarbeit wichtig. „Wir wechseln ständig in den Rollen und fühlen uns gemeinsam für alle Kinder verantwortlich, wir helfen denen, die gerade Unterstützung brauchen. Zur Verständigung reicht meist ein kurzer Blick. Wir achten darauf, dass es in den I-Klassen möglichst von der fünften bis zur zehnten Klasse keinen Lehrerwechsel gibt. “ Das schaffe Vertrauen und die Kinder sehen den Lehrer als Partner. Frontalunterricht, bei „dem sich einer vorne abstrampelt und die anderen schlafen“, gibt es kaum, stattdessen wird in Gruppen gelernt. Mit Materialien, die auf die einzelnen Schüler zugeschnitten sind. Die Unterscheidung funktioniert nicht nach behindert und nichtbehindert, sondern nach dem individuellen Förderbedarf. „Alle Menschen haben Stärken und Schwächen, wir reduzieren nicht auf die Defizite.“ Die Schule passt sich den Kindern an – und nicht umgekehrt. „Ich habe auch Förderbedarf - und zwar in Mathe“, lächelt die nicht behinderte Hannah und schickt einen umwerfenden Augenaufschlag zu Luca, der ihr offensichtlich gerne bei vertrackten Fragen hilft.

Die pädagogische Arbeit wirkt weit über den reinen Wissenserwerb und über die Schulmauern hinaus. Durch das gemeinsame Leben und Arbeiten werden Vorurteile abgebaut und Toleranz gefördert. Lenas beste Freundin sitzt im Rollstuhl, kein Problem für die beiden. Für Lena aber hat sich die Wahrnehmung seitdem verändert. „Wenn ich früher in einer Straßenbahn gesessen habe und da kam jemand rein, der schlecht gehen konnte, ist mir das zwar aufgefallen, aber ich habe nichts gemacht. Heute stehe ich auf, weil ich auch durch meine Freundin weiß, welche Barrieren im Alltag zu überwinden sind.“
Setzen, eins. Ziel erreicht?

Diese Gesamtschule hat viel erreicht. Haben Sie es geschafft, kann jetzt jeder kommen, der nicht zur Förderschule gehen möchte? Und ist er von Anfang an mittendrin? Die Lehrer Renate Schmidt-Hasenpusch und Mike Kulhavy werden nachdenklich. „Wir sind auf dem Weg zur Inklusion. Wir sind längst noch nicht so weit, wie wir gerne wären. In unseren I-Klassen funktioniert das Zusammenleben und –lernen prima. Wir leben Vielfalt. Aber dieses Miteinander ist nicht zum Nulltarif zu haben. Ein behindertes Kind in eine Regelklasse mit 30 Schülern zu setzen, ist der falsche Weg. Es sieht aber so aus, dass Schulen Inklusion ohne zusätzliches Geld umsetzen sollen.“

In Bonn-Beuel sind die Klassen im „Gemeinsamen Unterricht“ mit ihrem Erfolgskonzept längst zu einem Juwel geworden. Die Nachfrage, auch nichtbehinderter Schüler, übersteigt weit das Angebot von zwei Klassen pro Jahrgang. Ein Leuchtturm, aber noch lange keine bundesweite Realität. Problemlos könnten weitere Klassen eingerichtet werden, wenn es Geld dafür gäbe. „Aber auch bei uns geht es immer um Stellenschlüssel, Punktesysteme und Mittel“, sagen die beiden Sonderpädagogen und sie fürchten, „dass Inklusion zwar jetzt geltendes Recht ist, aber es keiner bezahlen will."

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